In der Regel bestellen die Kunden telefonisch. Die Anrufe kommen aus Deutschland und Dänemark, aus Estland, der Schweiz und Schweden, praktisch aus ganz Europa, aber auch aus Japan, Kanada und den Vereinigten Staaten, um nur einige wenige Länder aus Übersee zu nennen. Da ist dann unter anderem von Gold und Kupfer, Messing und Silber die Rede. Ist das Produkt fertiggestellt, reisen die Auftraggeber nicht selten persönlich an, wobei die Reisekosten manches Mal an die Summe herankommen, die für das gute Stück zu entrichten ist.
Ihr Ziel ist Mönchengladbach, genauer gesagt das Gewerbegebiet Wickrath. Hier, in unmittelbarer Nähe von Kraftfahrzeugwerkstätten und Speditionen, zwischen Fabriken, die Farben herstellen und Kunststoff verarbeiten, nehmen sie schließlich »ihr« Objekt der Begierde in Empfang - und testen es sogleich. Beraten und betreut werden sie dabei von einem freundlichen Mann Anfang Sechzig. Breitschultrig, meist gekleidet in Jeans und gestreiften Flanellhemden, sind seine großen, auf handwerkliches Tun hindeutenden Händen auffällig, wobei Gestik und Augen jene Freude vermitteln, die Menschen eigen ist, welche mit Spaß bei einer Sache sind. Dann ist da noch etwas, was er (zunächst angeeignet, schließlich verinnerlicht) nach außen trägt: Kompetenz. Wir befinden uns auf der Ecke Dieselstraße und Trompeterallee. Nomen est omen...

Zwiebel und Bügeleisen
Angefangen hat alles in der "Zwiebel". Die Kneipe in Dülken, einer Kleinstadt am Niederrhein, die heute zu Viersen gehört, war seit Mitte der fünfziger Jahre beliebter Treffpunkt all derer, die gerne guten Live-Jazz hörten. Ausgefallen war der Name schon, aber da stand die "Zwiebel" nicht alleine. Wer vermutete schon hinter dem Namen "Bügeleisen" einen Jazz-Club? Am Rande der Mönchengladbacher Altstadt gab es den, und der war damals einzigartig in Deutschland: Mitglied konnte nur werden, wer auch Musiker war, Jazz-Musiker wohlgemerkt. Vom guten alten Dixieland bis zum Modern Jazz - alle Spielarten dieser Musikrichtung wurden in den Kellerräumen des Clubs gepflegt.

"Mr. Felix Brass Band"
Mit dabei auch Manfred ("Manni") Schmelzer. Mit siebzehn lotet er die virtuosen Möglichkeiten des Klarinettenspiels aus, führt bald darauf aber schon das Mundstück eines etwas schwereren Instruments an seine Lippen - der heimische kirchliche Posaunenchor hat es ihm angetan. Ist der Chor nur eine Zwischenstation, begleitet ihn die Posaune von nun an auf seinem weiteren Lebens- und Schaffensweg.
Nach "Zwiebel" und "Bügeleisen" findet er dann seine musikalische Heimat, dokumentiert durch einen weiteren nicht alltäglichen Namen: "Mr. Felix Brass Band". Die Mönchengladbacher Band, Mitte der sechziger Jahre ins Leben gerufen, gehört schon bald zur musikalischen Institution in der Vitusstadt, und es dauert nicht lange, da fühlen sich die Gladbacher auf vielen Bühnen der Welt zu Hause - Auftritte in Japan, in Südamerika und in den Vereinigten Staaten werden immer wieder von Tourneen unterbrochen, welche die Band durchs europäische Ausland führen. Frankreich, Polen und Schweden sind nur einige der Länder, in denen die sechs Gladbacher gastieren und auf zahlreichen Festivals für Furore sorgen - und dabei etliche Preise gewinnen. Angestoßen durch die großen Musikveranstaltungen und angetan von der swingenden Atmosphäre, die dort herrscht, initiieren die Musiker 1973 das "1. Mönchengladbacher Hot Jazz Festival", dem danach noch weitere sechs folgen und das immer in der altehrwürdigen "Kaiser Friedrich-Halle" über die Bühne geht - "über drei Bühnen" muss es korrekterweise heißen, denn es spielen stets drei Bands gleichzeitig.
Jedes Jahr im November kommen die Musikfans in Scharen und hören zahlreichen Jazz-Größen zu: Kenny Ball ist darunter, auch Chris Barber', nicht zu vergessen der dritte Brite im Bunde, Mr. Acker Bilk; auch so bekannte Bands wie die "Dutch Swing College Band" aus den Niederlanden, die "Lunds Jazzkapell" aus Schweden,

die "New Dixie College Band" aus Belgien und die "Papa Bues Viking Jazz Band" aus Dänemark treten auf; Formationen und Big Bands unter anderem aus Frankreich, Polen und der Tschechoslowakei, aus der Schweiz und den Vereinigten Staaten reisen an - mittendrin (natürlich) auch die "Mr. Felix Brass Band". Die Gruppe, die sich dem traditionellen Dixieland verschrieben hat, begeistert somit bis zu ihrem Auseinandergehen zu Beginn der achtziger Jahre nicht nur durch ihre Musik, sondern auch durch ihr Engagement Kritiker wie Publikum gleichermaßen.

Neue Instrumente werden getestet (von links) Pat Halcox (der Trompete und - glegentlich - Flügelhorn in der Band von Cris Barber spielt), Chris Barber, Manfred Schmelzer.

Welthits
Mr. Acker Bilk: Stranger in the Shore"
Chris Barber: "Ice Cream"
Kenny Ball: "Midnight in Moscow"

Und ihr Posaunist? Der gelernte Bankkaufmann, der danach lange Jahre als Reisender in Sachen Computer tätig gewesen ist, hat mittlerweile die Musik zu seinem Beruf gemacht: Mitte der siebziger Jahre eröffnet er in Mönchengladbach ein Musikgeschäft, in dem er ausschließlich Blasinstrumente anbietet: von Klarinetten und Querflöten über Posaunen und Trompeten bis zu Tuben und Waldhörnern - das Portefeuille in "Manni's Musikladen" kann sich sehen lassen. Außerdem weiß die Kundschaft in Manfred Schmelzer einen kompetenten Ansprechpartner, der nicht nur die Posaune beherrscht, sondern auch um die Feinheiten bei Klarinette, Trompete und Waldhorn weiß. Und er weiß um die Schwachstellen bei diesen Instrumenten, die oft durch mangelnde Sorgfalt bei der Herstellung spätere "Macken" in sich tragen. Logische Folge: Die Zahl der Kunden, die ihre Instrumente zur Reparatur in "Manni's Musikladen" bringen, nimmt mit der Zeit ständig zu.

"Entscheidend ist nicht,
was du spielst, sondern wie du es spielst."

Chris Barber

Lehrjahre
Nun sind das Spielen und das Reparieren von Blasinstrumenten zwei verschiedene Welten. Mitte der achtziger Jahre - da wohnt und arbeitet er schon einige Jahre in Wickrath - reist er zum ersten Mal in die Vereinigten Staaten, um sich vor Ort, bei einem namhaften Hersteller von Trompeten, mit der Kunst des Blasinstrumentenbaus vertraut zu machen. In den Folgejahren besucht er, jeweils für vier bis sechs Wochen, weitere bekannte Instrumentenbauer in der Neuen Welt mit dem Ziel, das einmal erworbene Wissen zu festigen und weiter zu vertiefen. Drei- oder viermal reist er insgesamt in die Staaten, wobei es sich bei den angesprochenen Blasinstrumentenbauern um kleine ...

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(Artikel und Bildmaterial wurden dem Journal "C- das Herrenjournal für Lebenskultur No. 1, Seite 16-20 www.c-herrenjournal.com" entnommen.
Autor des Artikels: Hanns Dietrichsen)